7 Min. Lesezeit IZOTOP Redaktion

Fachkräftemangel in der Industrie 2026: die Zahlen – und was Mittelständler jetzt tun

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Arbeiter an einem Schmelzofen in einer Gießerei

Die Konjunktur ist schwach, die Arbeitslosigkeit steigt, offene Stellen werden weniger. Trotzdem bleiben Schweißer, Metallbauer und Zerspaner knapp. Was die aktuellen Daten von Bundesagentur, IAB, ifo, DIHK und KOFA für die Personalplanung in Produktion, Metall, Logistik und Bau bedeuten.

Wer im Herbst 2026 den Arbeitsmarkt beobachtet, sieht zwei Bilder, die nicht zusammenzupassen scheinen. Das erste: Die Nachfrage nach Arbeitskräften ist so niedrig wie seit zehn Jahren nicht. Das zweite: In den Betrieben fehlen weiterhin genau die Leute, die man für Produktion, Montage und Instandhaltung braucht. Beides stimmt – und wer das versteht, plant besser.

Das große Bild: Nachfrage unten, Arbeitslosigkeit oben

Im September 2026 waren laut Bundesagentur für Arbeit 2.994.000 Menschen arbeitslos, die Quote lag bei 6,4 Prozent. Saisonbereinigt stieg die Zahl gegenüber dem Vormonat um 12.000, gegenüber dem Vorjahr um 40.000. BA-Vorstandsvorsitzende Andrea Nahles sprach von einer Herbstbelebung, deren Auftakt „schwunglos“ ausfalle. Bei der BA gemeldet waren 660.000 Arbeitsstellen – 30.000 mehr als vor einem Jahr, der Stellenindex BA-X stand bei 104 Punkten.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zählt auch die Stellen, die nicht bei der BA gemeldet werden. Ergebnis der IAB-Stellenerhebung für das zweite Quartal 2026: rund eine Million offene Stellen (820.400 in West-, 203.000 in Ostdeutschland). Das sind 129.800 oder rund 11 Prozent weniger als im ersten Quartal, in dem noch 1,15 Millionen gezählt wurden. IAB-Forscher Alexander Kubis: Mit Ausnahme der Corona-Lockdowns 2020 habe die Arbeitskräftenachfrage seit 2016 nicht mehr auf diesem niedrigen Niveau gelegen.

Entsprechend sinkt der Anteil der Betriebe, die sich durch Fachkräftemangel behindert sehen. In der ifo-Konjunkturumfrage vom Juni 2026 meldeten 23,2 Prozent aller Unternehmen fehlende qualifizierte Arbeitskräfte – mehr als im April (21,1 Prozent), aber deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt von 31,7 Prozent. In der Industrie waren es 18,7 Prozent, 4,5 Prozentpunkte mehr als im April. ifo-Expertin Daria Schaller: „Die schwache Konjunktur hält den Fachkräftebedarf derzeit in Grenzen.“ Und: „Mehr Arbeitslose bedeuten nicht automatisch mehr verfügbare Fachkräfte.“

Das kleine Bild: Wo die Lücke trotzdem wächst

Genau hier liegt der Punkt für die Industrie. Das Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) des IW Köln rechnet in seinem Fachkräftereport März 2026 vor: Rund 1,3 Millionen qualifizierten Arbeitslosen standen knapp 1,1 Millionen offene Stellen gegenüber. Trotzdem fehlten für mehr als 357.000 Stellen passend qualifizierte Arbeitslose – fast jede dritte offene Stelle (32,5 Prozent) war rechnerisch nicht zu besetzen. Die Lücke ist gegenüber dem Vorjahr um 7,8 Prozent gesunken, aber die Schwierigkeit, eine konkrete Stelle zu besetzen, ist gleich geblieben.

Gegen den Trend nahm die Lücke in mehreren Metall- und Elektroberufen deutlich zu. Vier davon stehen unter den zehn Berufen mit dem größten Anstieg binnen eines Jahres:

Berufsgattung (Fachkraft)Fachkräftelücke März 2026Anstieg zum VorjahrOffene StellenAnteil rechnerisch unbesetzbar
Schweiß- und Verbindungstechnik5.903+2.27212.01749,1 %
Spanende Metallbearbeitung8.821+1.73014.67460,1 %
Metallbau6.609+95911.12459,4 %
Maschinenbau- und Betriebstechnik9.752+64519.97248,8 %
Berufskraftfahrer (Güterverkehr/Lkw)4.209+1.75825.38516,6 %

Quelle: KOFA-Fachkräftereport März 2026, Tabelle 2.

Bei den Schweißern stiegen die offenen Stellen um 19,9 Prozent, während die Zahl qualifizierter Arbeitsloser um 5,6 Prozent sank. Als Treiber nennt der Report die Sondervermögen für Infrastruktur und Verteidigung: Rüstung, Energie- und Wasserwirtschaft suchten zuletzt dringend Fachkräfte in M+E-Berufen – obwohl die Branche insgesamt mit schwacher Auftragslage kämpft. Im Verarbeitenden Gewerbe rechneten laut einer im Report zitierten IW-Befragung 40,3 Prozent der Unternehmen mit zunehmenden Rekrutierungsproblemen infolge der höheren Verteidigungsausgaben.

Ein Hinweis zur Einordnung: Die BA hat in ihrer Engpassanalyse 2025 (veröffentlicht im September 2026) die spanende Metallbearbeitung aus der Liste der Engpassberufe genommen; bundesweit zählte sie noch 157 Engpassberufe nach 163 im Vorjahr. Die KOFA-Zahlen beziehen sich auf den Stichtag März 2026 und eine andere Methodik. Beide Quellen zeigen aber dieselbe Richtung: Engpässe bestehen weiter in Bau- und Handwerksberufen und bei Berufskraftfahrern, und sie reagieren auf Investitionsprogramme schneller als auf die allgemeine Konjunktur.

Was Unternehmen melden

Die DIHK befragte im Herbst 2025 fast 22.000 Unternehmen. 36 Prozent konnten offene Stellen zumindest teilweise nicht besetzen – sieben Prozentpunkte weniger als im Vorjahr, aber bei kleinen und mittleren Unternehmen weiterhin über 40 Prozent. Am häufigsten fehlen Beschäftigte mit dualer Berufsausbildung: 57 Prozent der betroffenen Betriebe suchen sie vergeblich. 83 Prozent erwarten in den kommenden Jahren negative Folgen durch den Arbeits- und Fachkräftemangel. DIHK-Vize Achim Dercks: „Die vermeintliche Entspannung beim Fachkräftemangel ist trügerisch.“

Warum die Entspannung nicht anhält

Zwei Gründe sprechen dagegen, die aktuelle Ruhe in die Planung für 2027 und 2028 fortzuschreiben.

Erstens die Demografie. Nach dem Mikrozensus 2024 des Statistischen Bundesamts erreichen bis 2039 rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen die Regelaltersgrenze von 67 Jahren – knapp ein Drittel (31 Prozent) der heutigen Erwerbspersonen. Die jüngeren Jahrgänge können die Babyboomer zahlenmäßig nicht ersetzen. In den Engpassberufen zeigt sich das bereits: Der Anteil ausländischer Beschäftigter hat sich dort laut BA seit 2014 von rund 7 auf rund 14 Prozent verdoppelt. Nahles: „Zuwanderung wird deshalb für unseren Arbeitsmarkt weiter an Bedeutung gewinnen.“

Zweitens die Konjunktur selbst. Schaller erwartet, dass der Fachkräftemangel „mit einer stärkeren wirtschaftlichen Erholung“ wieder deutlicher zunimmt. Wer dann erst zu suchen beginnt, konkurriert mit allen anderen gleichzeitig.

Was Mittelständler jetzt tun können

Aus den Zahlen ergeben sich keine Patentrezepte, aber ein paar klare Schlüsse für Betriebe in Produktion, Metall, Logistik und Bau:

  1. Bedarf nach Berufen planen, nicht nach Köpfen. Ein Helfer ist heute leichter zu finden als vor drei Jahren. Ein Schweißer mit gültiger Prüfung nach EN ISO 9606-1 nicht. Trennen Sie in der Planung für 2027 nach Qualifikation.
  2. Freiwerdende Fachkräfte aus Automobil und M+E nutzen. Das KOFA weist darauf hin, dass Fachkräfte aus Automobil- und Metallindustrie mit ihren Qualifikationen in anderen Branchen – etwa der Rüstung – leichter unterkommen. Wer jetzt einstellt, hat Auswahl, die es 2027 nicht mehr geben muss.
  3. Quereinstieg strukturieren. 2025 beschäftigten laut KOFA sechs von zehn Unternehmen mindestens einen Quereinsteiger, knapp neun von zehn mit Erfahrung berichten von positiven Erfahrungen. Voraussetzung sind klare Einsatzbereiche, gezielter Kompetenzaufbau und begleitete Einarbeitung.
  4. Wohnraum mitdenken. 58 Prozent der Unternehmen mit Angeboten zum Mitarbeiterwohnen berichten laut einer vom KOFA zitierten IW-Studie, dass die Gewinnung neuer Fachkräfte dadurch leichter wird. Das gilt für Zugezogene aus dem Inland wie aus dem Ausland.
  5. Externe Kapazität vor Auftragseingang klären. Projekte aus den Sondervermögen kommen stoßweise. Wer die Vertragsform (Arbeitnehmerüberlassung oder Werkvertrag), den Vorlauf und die Nachweise eines Partners schon geprüft hat, kann in Tagen reagieren statt in Monaten.

Checkliste: Personalplanung 2027 in fünf Fragen

  • Welche Berufe in unserem Betrieb stehen auf der KOFA-Liste der wachsenden Lücken (Schweißen, Zerspanung, Metallbau, Betriebstechnik, Lkw-Fahrer)?
  • Wie viele dieser Stellen werden bis 2028 altersbedingt frei?
  • Welche Aufträge aus Infrastruktur, Energie und Verteidigung könnten unseren Bedarf kurzfristig erhöhen?
  • Haben wir für Spitzen einen geprüften externen Partner – mit AÜG-Erlaubnis, A1-Bescheinigungen und Prüfbescheinigungen vorab?
  • Ist die Einarbeitung so organisiert, dass externe oder quereinsteigende Fachkräfte in der ersten Woche produktiv sind?

Fazit

Der Arbeitsmarkt ist 2026 kein Verkäufermarkt mehr – außer dort, wo die Industrie ihre Kernberufe braucht. Für Schweißer, Zerspaner, Metallbauer und Betriebstechniker wächst die Lücke mitten in der Flaute. Die Demografie sorgt dafür, dass sie nicht von selbst wieder zugeht. Wer 2027 Personal braucht, sollte es jetzt planen – mit Blick auf den Beruf, nicht nur auf die Kopfzahl.


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